Türkiye Cumhuriyeti

Berlin Büyükelçiliği

Konuşma Metinleri

Rede von Botschafter H. Avni Karslıoğlu anlässlich des 92. Jahrestages der Proklamation der Republik, 29.10.2015

Werte Gäste,
Liebe Bürgerinnen und Bürger,
Sehr verehrte Botschafter und Vertreter des diplomatischen Korps,
Sehr verehrte Damen und Herren,

Wir haben uns versammelt, um den 92. Jahrestag der Proklamation der Republik zu begehen. Ich danke Ihnen allen für Ihre Teilnahme und begrüße sie ganz herzlich.

Auch der wunderschönen Dame am Klavier, Frau Sinem Altan, Pianistin vom Ensemble Olivinn danke ich. Im Rahmen des Festivals “Young Euro Classic / Europas Jugendorchester für Klassische Musik” wurde Frau Altan mit dem “Europäischen Komponistenpreis 2015” ausgezeichnet. Wir gratulieren ihr dafür von ganzem Herzen und wünschen Ihr die Fortführung ihrer Erfolge.

Die nun fast hundertjährige Geschichte der Republik Türkei ist in Wirklichkeit die Geschichte der revolutionären Erfolge, die eine Nation ungeachtet aller Schwierigkeiten auf den Gebieten der Demokratie, der Frauenrechte, der Bildung und des Aufschwungs erreicht hat.

Wir gedenken des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, der die Freiheit und die Unabhängigkeit als seine Wesenszüge bezeichnete, seiner Weggefährten, unserer Märtyrer und unserer Veteranen mit unendlicher Dankbarkeit und wünschen Ihnen Gottes Segen.

Den hohen Preis, den diese Nation für Unabhängigkeit und Freiheit gezahlt hat können viele von uns heutzutage nicht hinreichend begreifen oder würdigen.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein besonderes Interesse für alte Landkarten habe. Immer wenn ich die Gelegenheit dazu habe, besuche ich Altbuchhändler und Antiquare in Berlin und sammle historische Atlanten. Eine im Jahre 1921 an deutschen Schulen und Behörden benutzte Karte von Antolien, die ich zuletzt bei einem Altbuchhändler gefunden habe, hat mich zutiefst berührt. Diese Karte bildet den 1920 unterzeichneten, jedoch vonseiten des türkischen Volkes niemals angenommenen Staatsgrenzen des Vertrag von Sèvres ab. In jenem Moment konnte ich besser begreifen, von welchem Punkt aus der Freiheitskampf unserer Nation begann. Diese Karte zeige ich all meinen Besuchern und verschenke eine Kopie an unsere Minister.

Der Türkei ist es gelungen in den letzten 92 Jahren durch grundlegende Reformen, ihre wachsende Wirtschaft, ihre reifende Demokratie und ihre vielschichtige Außenpolitik selbst in turbulenten Zeiten ihre Stabilität zu wahren.

Gott sei Dank sind in der Türkei und auch in großen Teilen Europas Generationen herangewachsen, die keinen Krieg erfahren haben. Doch besteht die Gefahr, dass Gesellschaften, die keinen Krieg erlebt haben, den Frieden manchmal als eine vollkommen natürliche und selbstverständliche Tatsache auffassen.

So haben beispielsweise vor allem junge Europäer in großem Maße eine distanzierte oder negative Sicht auf die EU, die in ihrem Ursprung ein Friedensprojekt ist. Oder es wird nicht hinreichend deutlich, dass das transformative und auf Werten beruhende Modell der EU ohne die Türkei stets unvollkommen bleiben wird.

An die Bedeutung der Türkei wird leider nur in Ausnahmesituationen wie der derzeitigen Flüchtlingskrise erinnert. Ebenso wird nicht ausreichend diskutiert, wie eine EU mit der Türkei als Mitglied bei der Lösung von regionalen Konflikten mit globalen Auswirkungen wie jenen in der Ukraine oder in Syrien ihre Effektivität steigern würde.

Durch das Vorantreiben der seit langer Zeit ins Stocken geratenen EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei werden in strategischer Hinsicht wichtige Gewinne erzielt werden. Dies wird die EU nicht nur gegen von einigen als „existenziell“ bezeichnete Risiken wie die Flüchtlingskrise stärken, sondern gleichzeitig auch ihre Bedeutung als globalen Akteur erhöhen. Die Türkei stellt für die EU keine Belastung dar, sondern ganz im Gegenteil!

Auf globaler Ebene durchlaufen wir Zeiten, in denen politische und wirtschaftliche Krisen zunehmen. Wir werden Zeuge davon, dass das internationale System mit seinen vorhandenen Institutionen bei der Bewältigung dieser Krisen Schwierigkeiten hat.

Die Türkei, die in einer von Turbulenzen geprägten Region liegt, unternimmt intensive Anstrengungen, um zur Stabilität in der Region beizutragen. Sie tritt für eine friedliche Lösung von regionalen Konflikten als Vermittler hervor. Während wir einerseits innerhalb des demokratischen Systems gegen den zunehmenden Terrorismus in unserem Land kämpfen, wenden wir auf der anderen Seite für die regionale Stabilität große Mühen auf.

Denn die Konfliktsituationen in unserer Region, vor allem in Syrien und dem Irak betreffen uns unmittelbar und in gewaltigem Ausmaß, nicht nur aus sicherheitlichen Gesichtspunkten, sondern auch in politischer wirtschaftlicher und humanitärer Hinsicht.

Hierunter ist ohne jeglichen Zweifel die humanitäre Dimension die Wichtigste. Auf der ganzen Welt befinden sich mehr als 60 Millionen Flüchtlinge. Dies ist die höchste Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist die größte und schlimmste menschliche Tragödie der letzten 70 Jahre. Die Hälfte der 23 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung Syriens ist vertrieben worden. Rund fünf Millionen Syrer haben ihr Land verlassen und getrieben vom Traum einer besseren Zukunft und unter Einsatz ihres Lebens die Reise über das Mittelmeer angetreten. Viele von ihnen haben dabei ihre Familie und Angehörigen verloren. Ich nehme an, dass viele von Ihnen noch das Bild dieses kleinen Körpers von Aylan Kurdi vor Augen haben.

Die Türkei hat diesen menschlichen Tragödien in ihrer Region nicht untätig zugesehen und über 2 Millionen Syrer und Iraker, seien es Araber, Türkmenen, Kurden, Jesiden, Nusairier, Assyrer und andere Christen, warmherzig aufgenommen. Nach Angaben des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen hat unser Land weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen.

Unseren Gästen bieten wir in unserem Land Gesundheits- und Bildungsleistungen, psychologische Hilfe, Berufsausbildungsmöglichkeiten und soziale Aktivitäten. Allein für die Versorgung der Syrer haben wir bislang rund 8 Milliarden US-Dollar aufgewandt. Ich bin der Überzeugung, dass das Engagement, das die Türkei seit nunmehr vier Jahren für die syrischen und irakischen Flüchtlinge leistet, auf globaler Ebene als Modell dient.

Geografische Nähe zur Krisenregion bedeutet im Grunde nicht auch gleichzeitig Verantwortung. Auch das Europa nördlich des Mittelmeers hat angesichts des Flüchtlingsstroms deutlich erkannt, dass es in dieser Krise Verantwortung übernehmen muss. In diesem Zusammenhang gebührt der Großzügigkeit Deutschlands, die vorbildlich in Europa ist, unsere Anerkennung. Diese menschliche Verantwortung, die beide Länder mit Stolz teilen, wird auch für die internationale Gemeinschaft Ansporn zur Solidarität sein.

Die menschlichen Dramen im Mittelmeer werden zweifellos auch die Zukunft Europas bestimmen. Das Thema der Einwanderung sollte auf Basis der Menschenwürde und der Demokratie – Werte, die Europa zugrunde liegen - angegangen werden. Es ist offensichtlich, dass die Türkei in letzter Zeit die eigentliche Verteidigerin dieser Werte ist.

Unsere jüngst mit Deutschland begonnenen Bemühungen zur Entwicklung einer gemeinsamen Strategie sollten ebenso mit der EU aufgenommen werden. Die Beiträge, die die Türkei als EU-Mitglied leisten könnte, sind für diejenigen, die unser Land lediglich als Belastung bezeichnen, nunmehr sichtbarer geworden.

An dieser Stelle möchte ich ein paar Worte zu den türkisch-deutschen Beziehungen bemerken. Wir sind uns alle der umfassenden und vielschichtigen Tiefe unserer knapp 300-jährigen diplomatischen Beziehungen bewusst. Vom Handel bis zur Wissenschaft, von der Kunst bis zur Kultur bestehen in allen Bereichen Netzwerke, durch die unsere beiden Länder eng miteinander verbunden sind. Wie ich auch neulich in einem Zeitungsinterview erklärt habe, lassen sich unsere politischen Beziehungen mit den vier Jahreszeiten vergleichen.

Manchmal erleben wir die Begeisterung des Frühlings und manchmal den Frost des Winters. Jedoch handeln wir stets im Bewusstsein der Bedeutung, die die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern für die gesamteuropäische Zukunft hat.

Werte Gäste,
Deutschland war schon immer ein Land, in dem über Einwanderung und Integration debattiert wird. Im Grunde sollte akzeptiert werden, dass Einwanderer wichtige Beiträge zum Aufschwung ihrer Aufnahmeländer leisten. Am besten lässt sich dies in unseren beiden Ländern sehen. Die türkeistämmigen Migranten, von denen heute Abend einige unter uns sind, haben zum Aufschwung Deutschlands einen wichtigen Beitrag geleistet. Gleiches gilt für die Wissenschaftler und Akademiker, die in den 1930er Jahren aus Deutschland in die Türkei ausgewandert sind.

Die Hilfe, die heute die hier lebende türkische Gemeinschaft für Flüchtlinge vor allem aus Syrien und dem Irak leistet, verfolge ich mit Stolz. Man darf nicht zulassen, dass rechtsradikale Organisationen, die in Europa an Zulauf gewinnen, den Frieden in der freien und multikulturellen Gesellschaft Deutschlands zerstören.

Meine verehrten Gäste,
abschließend möchte ich auch kurz auf die Ausstellung eingehen, die im Rahmen unseres Jahrestags der Proklamation der Republik in unserer Botschaft eröffnet wird. Heute Abend präsentieren wir Ihnen die schönsten Werke, mit denen die Internationale Kunstkolonie Orangenblüte seit 2008 bis heute die türkische Kunstwelt bereichert hat. Darüber hinaus verleihen zwei Werke, die eigens für diesen Abend geschaffen wurden, dieser Ausstellung noch eine besondere Bedeutung.

Schließlich möchte ich allen Mitwirkenden dieses Abends meinen herzlichen Gruß und Dank aussprechen.

- dem Gründer der Künstlerkolonie Orangenblüte Herrn Ahmet Şahin und dem Geschäftsführer Herrn Hakan Körpi, dafür, dass sie uns diese einzigartige Ausstellung in unserer Botschaft ermöglicht haben,

- dem Direktor des Yunus-Emre-Kulturzentrums Herrn Professor Faruk Akyol dafür, dass die Gruppe Olivinn heute Abend bei uns ist.

- ferner danke ich jedem einzelnen unserer Sponsoren İşbank, Ziraat Bankası, Denizbank, Ayyıldız und Türkish Airlines für ihre freundliche Unterstützung.

Ich grüße Sie alle mit Hochachtung und wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.