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„Zivilisation im globalen Kontext:Zur aktuellen Relevanz des Zivilisationsbegriffs“ - Yunus Emre Kulturzentrum in Berlin, 15.04.2015

„Zivilisation im globalen Kontext: Zur aktuellen Relevanz des Zivilisationsbegriffs“
15. April 2015, Yunus Emre Kulturzentrum in Berlin

Sehr geehrter Herr Prof. Duralı,
Sehr geehrter Herr Botschafter Dr. Raunig,
Sehr geehrter Herr Prof. Akyol,
Sehr geehrter Herr Süer,
verehrte Gäste,

ich freue mich sehr, bei dieser Veranstaltung mit Ihnen zusammenkommen zu dürfen und möchte dem türkischen Yunus Emre Kulturzentrum danken, das heute Abend die wertvollen Referenten und ein derart erlesenes Publikum zusammengebracht hat.

Ich bin der Überzeugung, dass die Aufgabe des Yunus Emre Kulturzentrums nicht nur in der Präsentation der türkischen Kultur, Geschichte, und Sprache besteht, sondern auch darin, dass zwei große Zivilisationen, die Türkei und Deutschland, zusammengebracht werden. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass diese Veranstaltung, die mit Ihrer wertvollen Teilnahme möglich wurde, bei der Weiterentwicklung der kulturellen und zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland von großer Bedeutung ist.

Gleich werden die Redner den Zivilisationsbegriff sehr viel tiefer ergründen. Ich hingegen möchte nur kurz darauf eingehen, dass die Türkei geografisch am Schnittpunkt verschiedener Zivilisationen liegt und dass die Zivilisation ein vom Individuum abhängiges Phänomen ist.

Aufgrund ihrer strategischen Lage am Schnittpunkt der Kontinente, Asien und Europa, gilt die Türkei schon seit der prähistorischen Ära als Wiege zahlreicher Zivilisationen. In dieser Geografie der Kultur, wo Kontinente aufeinandertreffen, Toleranz und Liebe aufblühen, setzt sich die Türkei für die Entwicklung eines friedlichen Zusammenlebens der Kulturen und Glaubensrichtungen, von gegenseitigem Respekt, Freundschaft, Integration und Zusammenarbeit ein. Man sollte die inzwischen derart zentral gewordene Lage der Türkei nicht nur unter dem Aspekt der Geografie beurteilen. Unser Land, welches zugleich dem Westen und der islamischen Welt angehört und die Eigenschaften eines demokratisch, laizistisch, stellt für alle Völker, die die Modernisierung anstreben, eine Inspirationsquelle dar. Die Türkei ist mit dieser Eigenschaft ein Land, das die Falsifizierung der These des “Kampfes der Kulturen” darstellt.

Heute befindet sich unsere Welt in einer Phase großer Veränderungen. Dieser Vorgang hat alle uns bekannten Gleichgewichte verändert und umfassende und stark spürbar globale Auswirkungen mit sich gebracht. Wir müssen akzeptieren, dass unsere Welt (insbesondere unmittelbare Umgebung) vielen Herausforderungen gegenübersteht.
Hinter den meisten Problemen und globalen Bedrohungen in vielen Regionen der Welt steht ein Mangel an Kommunikation zwischen den Kulturen, die Intoleranz und die verletzenden Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Angesichts des Leids in verschiedenen Regionen der Welt ist ein echter Dialog für uns alle unabdingbar. Für einen echten Dialog zwischen den Nationen sind Respekt gegenüber den Kulturen und Zivilisationen sowie gegenseitiges Verständnis und Toleranz notwendig. Aus diesem Grunde glaube ich, dass die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Kulturen und Zivilisationen notwendig und bereichernd ist.

Ich bin der Meinung, da die meisten Probleme, mit denen wir konfrontiert werden, von Menschen verursacht werden, muss auch die Lösung von denselben gefunden werden.

Wir müssen an einem bestimmten Punkt zusammenkommen, der nicht zu dieser oder jener Kultur gehört und das gemeinsame Erbe der gesamten Menschheit repräsentiert. Wir müssen eine neue Ära einleiten können, in der die Aspekte einer Zivilisation bezüglich des tugendhaften Verhaltens der Menschen im Vordergrund stehen. Wir müssen gemeinsam in ein neues Zeitalter eintreten, in dem die Schwachen durch die Starken geschützt, die Wunden gemeinsam geheilt und die Schäden gemeinsam behoben werden.

Zweifellos kommen dabei den Staaten, politischen Führungen, internationalen Organisationen und der Zivilgesellschaft wichtige Aufgaben zu. Aber es sind die Individuen, die diesen Akteuren dazu verhelfen, ihre Rolle zu begreifen und sie auszuführen. Letztendlich ist Zivilisation ein Phänomen, das vollständig vom Menschen, vom Individuum abhängt.

Abschließend möchte ich Ihnen eine Anekdote von Elizabeth Dowdeswell, der ehemaligen Direktorin des UN-Umweltprogrammes, erzählen:

Während Frau Dowdeswell an einem Redeentwurf arbeitet, kam ihr siebenjähriges Enkelkind, um mit ihr zu spielen. Um das Kind zu beschäftigen, schnitt Frau Dowdeswell eine Weltkarte beliebig in rund 30 Teile und verlangte von dem Kind, es wieder herzustellen. Sie ging davon aus, dass das mindestens 15 bis 20 min. dauern würde und wollte sich währenddessen ihrer eigenen Arbeit zuwenden. Als das Kind jedoch nach 3 bis 4 Minuten die fertige Weltkarte auf ihren Tisch legte, war sie verblüfft. Sie nahm das Kind in den Arm und fragte es erstaunt: „Wie konntest Du diese Weltkarte wieder zusammenbringen? Hast Du etwa von einer anderen Karte abgeguckt?“ Das kleine Mädchen verneinte und sagte: „Als ich versuchte die Teile zusammenzubringen, merkte ich, dass sich auf der Rückseite der Karte das Gesicht eines Menschen befindet. So habe ich, angefangen von den Augen, die Teile des menschlichen Gesichts zusammengefügt. Als ich das Papier umdrehte war auch die Weltkarte fertig“.

Wie die Botschaft, die in dieser Anekdote vermittelt wird, müssen wir, um eine geteilte Welt wieder zusammenzubringen, zunächst einmal den geteilten Menschen, mit seinen Gefühlen, seinem Glauben, seinen Erwartungen, seiner Vergangenheit und Zukunft wieder zu einem Ganzen zusammenfügen.

Es ist die gemeinsame Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, eine menschenwürdige Ära einzuleiten, in der die Menschen, gleich welcher ethnischen Herkunft, Religion oder Glaubensrichtung, sich selbst und ihre Zukunft in Sicherheit sehen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.